Sonntag, 10. April 2016

Psychologen sind Idioten (Kapitel 39)

Manchmal weiß ich nicht mehr, wer ich überhaupt bin.
Was macht mich aus?
Dass ich gestört bin? Meine Diagnosen?
Mich überkommt das Gefühl, dass ich mit Johannes reden sollte.
Aber ich will nicht.
Ich will nicht auf die Erwachsenenstation. Ich will nicht in die geschlossene Anstalt. Langsam spüre ich, wie mich ein tiefer Hass überkommt. Hass auf mich selbst. Hass auf alle, die mich für gestört halten. Hass auf meine Mutter, dafür, dass sie mich in die Klapse gesteckt hat. Hass auf meinen Vater, weil er mich allein gelassen hat.
Im Spiegel sehe ich dieses Mädchen. Das bin ich.
Meine Augen rot und leicht geschwollen vom Weinen.

Ich balle meine Faust. Ich bin nicht gestört! Ihr anderen seid alle gestört!

"SCHEIßVEREIN!" brülle ich so laut wie ich kann und schlage gegen die Wand.
 Zuerst überkommt mich ein stechender Schmerz in der Hand, der langsam in einen dumpfen Schmerz übergeht.
Dumpf. Warum ist alles so dumpf? Alles erscheint so fern. Meine Gedanken, meine Gefühle, mein Ich. Als hätten fremde Kräfte die Oberhand über meinen Kopf und meinen Körper erlangt. Als sei mein wahres Ich irgendwo ganz tief in mir drin eingesperrt.
Mein Blick wandert zu meiner noch immer geballten Faust. Ein paar einsame Tropfen Blut fallen zu Boden.
Ich gehe vom Bad wieder ins Zimmer und laufe auf und ab.
Dann erinnere ich mich an das, was mir in der Therapie beigebracht wurde.
Tief atme ich durch. Ich versuche, all meinen Stress und meine Wut einfach herauszuatmen. Ich schließe die Augen und versuche mich zu konzentrieren. Ich lege all meine negativen Gefühle in meine Lunge und atme sie einfach aus...
Frische Luft und positive Energie ein. Verbrauchte Luft und negative Energie aus. Ein... und aus.

"WARUM FUNKTIONIERT DIE SCHEIßE NICHT?!"
Ich nehme den Stuhl und werfe ihn mit aller Gewalt so fest wie ich kann gegen die Wand.
Holzstücke fliegen durch das ganze Zimmer.
Ich nehme ein abgebrochenes Stuhlbein und schlage immer weiter auf die Sitzfläche ein, an der nur noch ein abgebrochenes Stuhlbein und die halbe Lehne hängt.
Nach kurzer Zeit sacke ich erschöpft auf den Boden.
Heiß und brennend laufen Tränen über mein Gesicht.

Plötzlich werde ich auf die Beine gehoben und umarmt.
Es ist Kai.
Kai... er hat mich noch immer nicht aufgegeben.
Sicher denkt er jetzt, ich sei komplett gestört.
Ich presse ihn fest an mich und schluchze.
Fest kralle ich mich in sein Shirt und versuche mein Gesicht in seinem Hals und seiner Schulter zu vergraben. Noch nie konnte ich mich so wenig beherrschen, zu weinen.
Er sagt nichts. Er umarmt mich einfach nur und streichelt meinen Rücken.
Selten habe ich ein so schönes Gefühl gehabt.
Als sei ich in einer anderen Welt.
In einer Welt, in der alles gut ist.
Eine Welt, in der Kai mein Freund ist. Nicht nur ein Bekannter aus der Klapse, sondern mein fester Freund. Eine Welt, in der ich in der Schule klarkomme, mein Vater und meine Mutter glücklich zusammenleben. In der ich mich mit meinem Bruder und dem Rest meiner Familie verstehe.

Ich will nicht mehr so sein...
Aber wie bin ich denn überhaupt?

Weiterlesen? => Psychologen sind Idioten ?! (Kapitel 40)

Keine Kommentare :

Kommentar veröffentlichen